11.03.2026 00:00
«Früherkennung rettet Leben - Einsparungen nicht»
Kanton Thurgau prüft die Abschaffung des Mammografie-Screenings ab 2027
Der Kanton Thurgau prüft im Rahmen der Aufgaben- und Verzichtsplanung (AVP), das Mammografie-Screening ab 2027 einzustellen. Damit könnten jährlich rund 670'000 Franken eingespart werden. Die mögliche Streichung hat eine Diskussion über den Stellenwert der Brustkrebsfrüherkennung ausgelöst.
Thurgau Im Zuge der kantonalen Sparüberlegungen wird auch das seit 2011 bestehende Mammografie-Screeningprogramm im Thurgau überprüft. Das Programm ermöglicht Frauen zwischen 50 und 69 Jahren alle zwei Jahre eine Mammografie zur Früherkennung von Brustkrebs. Europa Donna Schweiz engagiert sich national für Patientinnenrechte, Aufklärung und eine qualitätsgesicherte Brustkrebsfrüherkennung. Entsprechend aufmerksam verfolgt die Organisation die aktuelle Diskussion im Thurgau. «Als Patientenorganisation, die sich für die Rechte und die Gesundheit von Frauen im Bereich Brustkrebs einsetzt, beurteilen wir die aktuelle Diskussion im Kanton Thurgau mit grosser Besorgnis», sagt Christina Christen, Präsidentin von Europa Donna Schweiz. Für sie steht der Zeitpunkt der Diagnose im Zentrum. «Wird ein Tumor früh entdeckt, steigen die Heilungschancen deutlich und die Behandlungen fallen meist weniger belastend aus.»
Christen verweist auf Daten der Nationalen Krebsregisterstelle. «Bei Diagnosen innerhalb eines Früherkennungsprogramms befinden sich rund 64 Prozent der Tumore im Stadium I. Ausserhalb von Programmen liegt dieser Anteil bei etwa 44 Prozent.» Auch bei den Überlebensraten zeige sich ein deutlicher Unterschied. «Die Fünf-Jahres-Überlebensrate liegt bei einer Screening-Diagnose bei etwa 95 Prozent. Wird Brustkrebs erst aufgrund von Symptomen entdeckt, liegt sie bei rund 65 Prozent.»
Studien bestätigen Nutzen der Programme
Auch wissenschaftliche Untersuchungen weisen laut Europa Donna in dieselbe Richtung. «Aktuelle Studien zeigen, dass organisierte Screening-Programme dazu beitragen, Brustkrebs häufiger in einem frühen Stadium zu entdecken», sagt Christen. So zeige eine Schweizer Analyse von «Gutzeit und Kollegen» aus dem Jahr 2024, dass in Regionen ohne Screening-Programme häufiger grössere Tumore und Lymphknotenmetastasen diagnostiziert werden. Auch Auswertungen zum St. Galler Programm «Donna» würden darauf hinweisen, dass Tumoren innerhalb organisierter Programme früher erkannt werden.
«Internationale Daten bestätigen dieses Bild», erklärt Christen. «Untersuchungen zeigen, dass die Brustkrebssterblichkeit bei Teilnehmerinnen solcher Programme um rund 20 bis 30 Prozent reduziert werden kann.»
Qualität der Untersuchungen ist sehr hoch
Europa Donna betont zudem die Bedeutung organisierter Screening-Programme für die Qualität der Untersuchungen. «Organisierte Programme garantieren eine Qualität, die opportunistische Untersuchungen nicht im gleichen Mass sicherstellen können», sagt Christen.
Ein zentrales Element sei die Doppelbefundung der Mammografien. «Dabei beurteilen zwei spezialisierte Radiologen unabhängig voneinander jedes Bild.» Hinzu kämen zertifizierte Geräte, speziell geschultes Fachpersonal sowie regelmässige Qualitätskontrollen. «Diese standardisierten Abläufe sind ein zentraler Bestandteil der Qualitätssicherung.» Für Christina Christen steht eine grundsätzliche Frage im Raum. «Brustkrebs wartet nicht auf eine bessere Haushaltslage. Die Gesundheit und das Leben der Frauen dürfen nicht kurzfristigen Sparzielen zum Opfer fallen.»
Mitte Frauen Thurgau zeigen sich besorgt
«Brustkrebs ist nach wie vor die häufigste Krebserkrankung bei Frauen in der Schweiz. Früherkennung rettet Leben. Einsparungen nicht. Es geht um die gesundheitliche Verantwortung des Kanton Thurgau und um die grundsätzliche Frage, ob kurzfristige Einsparungen langfristige Risiken rechtfertigen können», betonen die Mitglieder von Mitte-Frauen Thurgau in ihrem Statement. «Und genau diese Frage stellt sich nicht nur bei diesem einzelnen Punkt der Aufgaben- und Verzichtsplanung», heisst es weiter. Mehrere vorgeschlagene Massnahmen folgen laut den Mitte-Frauen derselben Logik: «Heute sparen, morgen womöglich deutlich höhere Kosten oder belastendere Folgen in Kauf nehmen.»
Desirée Müller
Fragen an Dr. Regina Woelky, Präsidentin der Krebsliga Thurgau
Frau Dr. Woelky, Wie stehen Sie als Präsidentin der Krebsliga Thurgau zur Diskussion?
Das Brustkrebsscreening durch Mammographien hat einen wesentlichen Beitrag zur Reduktion der Sterberate und die Entdeckung von Brustkrebs im Frühstadium beigetragen. Es bleibt zu hoffen, dass eine finanzielle Lösung im Interesse der öffentlichen Gesundheit gefunden wird, damit das Screeningprogramm fortgesetzt wird und es zu keinem Rückschritt im Erfolg zur Bekämpfung des Brustkrebs kommt.
Wird am richten Ort gespart?
Nein. Wie bei jeder Erkrankung ist die Prävention auch bei Brustkrebs der wichtigste Schritt zur persönlichen Gesundheit. Dadurch kann die Mortalität gesenkt und anfallende Gesundheitskosten durch lang dauernde kontinuierliche medikamentöse Tumortherapien, Arzttermine und Krankenhausaufenthalte gesenkt werden. Viele Betroffenen sind im arbeitsfähigen Alter, die Zahl an jungen Menschen mit Krebserkrankungen, vor allem Darmkrebs, ist zunehmend. Durch eine Früherkennung sind Heilungen möglich und damit eine Rückkehr in den Beruf, was in fortgeschrittenen Stadien nicht mehr möglich ist. Prävention wirkt sich somit auch volkswirtschaftlich positiv aus.
Aufgaben- und Verzichtsplanung (AVP)
Der Kanton Thurgau hat alle staatlichen Aufgaben umfassend prüfen lassen, um zu evaluieren, welche Leistungen zwingend notwendig sind und wo Einsparungen möglich sein könnten. Diese Untersuchung ist Teil der sogenannten Aufgaben- und Verzichtsplanung (AVP), die dazu dient, die Verwaltung effizienter zu gestalten und die Finanzen langfristig zu stabilisieren. Untersucht wurden zentrale Bereiche wie Bildung, Gesundheit, soziale Dienste, öffentliche Sicherheit, Verkehr und allgemeine Verwaltung. Die Analyse wurde vom Institut für Verwaltungsmanagement der ZHAW durchgeführt. Sie lieferte eine detaillierte Übersicht über die bestehenden Aufgaben und Empfehlungen, wie die Verwaltung künftig auf das Wesentliche konzentriert werden kann. Derzeit prüft der Regierungsrat nach eigenen Angaben die Ergebnisse und entscheidet, welche Vorschläge umgesetzt werden sollen. Eine offizielle Stellungnahme oder konkrete Massnahmen liegen noch nicht vor.