Regionalbibliothek als Zentrumslast Weinfelden.
14.10.2025 16:14
Bibliothek zeigt, was Zentrumslast bedeutet
Die Regionalbibliothek wird seit jeher als Verein geführt. Eine Organisationsform, die auf Länge keine Zukunft hat. Lösungen werden gesucht
Zwischen Bücherregalen und Lesetischen startete am Montag in der Regionalbibliothek Weinfelden die Medienfahrt durch die Thurgauer Städte. Vertreterinnen und Vertreter aus Weinfelden, Amriswil und Romanshorn stellten dabei ihre Schwerpunktthemen vor. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Zentrumsgemeinden ihre vielfältigen Aufgaben finanzieren können.
Weinfelden Zum Auftakt sprach Gabriel Macedo, Stadtpräsident von Amriswil und Präsident der Thurgauer Stadtpräsidentenkonferenz. Er erinnerte daran, dass es im Kanton 80 politische Gemeinden gibt, aber nur rund ein Dutzend mit eigentlicher Zentrumsfunktion. Diese Städte seien wirtschaftliche, kulturelle und soziale Motoren. Orte, an denen Innovation, Bildung, Freizeit und Kultur entstehen, die weit über die Stadtgrenzen hinaus wirken. «Ohne den kantonalen Finanzausgleich würde es schlicht nicht funktionieren», sagte Macedo. Das System gleiche ungleiche Ausgangslagen zwischen den Gemeinden zwar teilweise aus, könne die besonderen Belastungen der Zentren aber nicht vollständig auffangen. Aktuelle Zahlen zeigen, dass regionale Zentren durchschnittlich zwölf Prozent höhere Netto-Mehrkosten pro Einwohner tragen als Gemeinden ohne Zentrumsfunktion, kantonale Zentren sogar 38 Prozent mehr. Besonders deutlich seien die Unterschiede in den Bereichen Kultur, Soziale Sicherheit und Verkehr. «Wir müssen sichtbarer machen, was die Städte für die umliegenden Gemeinden leisten», so Macedo.
Wie konkret solche Zentrumslasten aussehen, zeigte Valentin Hasler, Weinfelder Stadtrat und Vorsteher des Ressorts Sport, Kultur und Tourismus. Passend zum Ort seines Referats nahm er die Regionalbibliothek Weinfelden als Beispiel: «Der Name sagt es schon – sie ist für die ganze Region da.» Die Bibliothek feiert in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen und verzeichnete 2024 über 42'000 Besuche, mehr als 40 Prozent davon von Nutzerinnen und Nutzern aus umliegenden Gemeinden. Mit einem Jahresbudget von 400'000 Franken ist sie eine der meistgenutzten Kultureinrichtungen im Kanton. Die Stadt Weinfelden trägt davon 150'000 Franken, die umliegenden Gemeinden steuern zusammen 62'000 Franken bei. Pro Einwohner zahlt Weinfelden zwölf Franken, die beteiligten Gemeinden drei Franken. «Das ist nicht ganz gerecht verteilt», meinte Hasler. «Denn alle profitieren von diesem Angebot.» Zwischen Idealismus und
Zukunftssorgen Die Bibliothek ist ein Ort der Begegnung und Bildung, doch die Herausforderungen wachsen. Rund 180 Besucherinnen und Besucher kommen täglich vorbei, ein Drittel der 90'000 Ausleihen entfällt bereits auf digitale Medien. Doch die Struktur als Verein stösst an Grenzen. Eine Analyse der Fachhochschule Graubünden zeigt, dass die Finanzierung auf wackligen Beinen steht, viele Mitarbeitende in den nächsten Jahren pensioniert werden und die Löhne deutlich unter dem Branchendurchschnitt liegen. «Wir müssen ehrlich sein», sagte Hasler. «Wenn in den kommenden Jahren ein grosser Teil des Teams in Pension geht, werden wir kaum neue Fachkräfte finden, die zu diesen Löhnen arbeiten.» Noch funktioniere der Betrieb dank grossem Idealismus – aber langfristig sei das Modell in dieser Form kaum zu halten. Auch räumlich stösst die Institution an Grenzen. Für den heutigen Betrieb wären 800 bis 1000 Quadratmeter nötig, tatsächlich steht deutlich weniger Fläche zur Verfügung. Im Raum steht deshalb die Frage, ob die Bibliothek künftig in die Stadtverwaltung eingegliedert werden soll. «Das würde neue Möglichkeiten eröffnen, aber auch die Frage aufwerfen, ob die umliegenden Gemeinden dann noch mitfinanzieren», so Hasler. Das Szenario sei noch nicht mit den umliegenden Gemeinden besprochen worden. «Vorerst ist das Thema auf der Traktandenliste im Stadtrat.»
Beispiel für gelebte
Zentrumslasten
Für Valentin Hasler ist die Regionalbibliothek Weinfelden ein Paradebeispiel dafür, was Zentrumslasten für Städte bedeuten: eine Einrichtung, die Kultur, Bildung und Begegnung für eine ganze Region ermöglicht – getragen von einer Stadt, die weit mehr bietet, als sie allein nutzt. Mit der Weinfelder Diskussion zu einem aktuellen Thema setzte die Medienfahrt einen pointierten Auftakt zur Weiterreise nach Amriswil.
Von Desirée Müller