Schulpräsident Michel Freund beschreibt die Schule Berg als neutralen Ort. Die Kinder stünden im Mittelpunkt. Nicht die Politik. Bild: mul
05.03.2026 15:59
Gemeinde Berg im Balanceakt
Die Stimmung ist nach der Eröffnung des Durchgangsheims weiterhin am Kochen. Doch ein Blick hinter die Kulissen zeigt, aktuell läufts rund in Berg
Die zwei Flüchtlingsfamilien in Berg leben sich derzeit in ihrem aktuellen Zuhause ein. Parallel wurde am Montag die Petition mit 1594 Unterschriften eingereicht. Gespräche zeigen, dass zwischen den Fronten viel Unwissen herrscht.
Berg Die zwei Familien im Durchgangsheim Berg wurden mit Geschenkkörben und lieben Worten begrüsst. Bergerinnen und Berger klingelten an der Türe des ehemaligen Restaurant Frohheim, hiessen die Kinder willkommen und boten den Eltern ihre Hilfe an. Eberhard Wörwag, Geschäftsleiter der Peregrina-Stiftung, ist gerührt. Nach der deutlichen Abwehrhaltung in der Bevölkerung gebe es trotzdem noch einen Teil, der den Familien den Einstieg in ihr temporäres Zuhause möglichst einfach machen möchte. «Es gibt eine stillschweigende Minderheit in Berg, welche die Menschen unterstützen ohne Aufstehen erregen zu wollen. Es als Selbstverständlichkeit sehen und ihr Engagement nicht mit der Öffentlichkeit teilen.»
Gemeinde will keinen Infoanlass
Es gebe Vorurteile Asylsuchenden gegenüber und diese seien absolut legitim und auch menschlich. «Daher bedauern wir es, dass die Gemeinde sich nicht auf einen gemeinsamen Informationsanlass für die Bevölkerung einliess. Dies ist Standard, wenn ein neues Durchgangsheim in einer Gemeinde eröffnet wird», so Wörwag. Er habe es dem Berger Gemeinderat mehrmals angeboten. «Bei solchen Veranstaltungen können wir Ängsten und Sorgen entgegenwirken mit Fakten und Informationen.» Sie seien auch heute noch gerne bereit, dies nachzuholen, falls sich die Gemeindevertreter doch noch melden würden. Das Anliegen der Stiftung sei, dass sie die Bedenken der Bevölkerung ernst nimmt. «Auch ohne öffentliche Infoveranstaltung können Interessierte gerne vorbeischauen. Zu Büroöffnungszeiten ist immer eine Betreuungsperson vor Ort im Frohsinn.» Egal ob neugieriges Kennenlernen oder äussern von Bedenken – die Türe stünde immer offen. «Erfahrungsgemäss beruhigt sich die Situation in den Gemeinden schnell, wenn die Flüchtenden eingezogen sind. Die Leute merken, dass es einfach nur Menschen sind.»
Petition wurde eingereicht
Am Montag reichte die Gegnerschaft die Petition gegen das Durchgangsheim im Berger Dorfzentrum bei der Regierung ein. Fast 1600 Stimmen kamen in Kürze zusammen. «Das ist eine beachtliche Zahl. Wir mussten nicht um Unterschriften weibeln», sagt Mitinitiant Oliver Martin, SVP. Dies zeigt, dass es ein Thema ist, das in Berg und Umgebung polarisiert. Man wolle ein Zeichen setzen. «Wir möchten nicht übergangen werden von der Peregrina Stiftung. Wir möchten als Bevölkerung mitbestimmen können», so Martin. Vielleicht nicht mitbestimmen, aber mitreden wäre seitens Peregrina-Stiftung sogar sehr erwünscht. Die Petitionäre suchten vor dem Start der Unterschriftensammlung keinen Kontakt zur Stiftung. «Allenfalls hätte so schon vieles geklärt werden können», so Wörwag. Man könne ja «nicht einfach bei denen klingeln», sagt Petitionärin Uschi Neusch. «Sehr gerne sogar», sagt der Peregrina-Chef. «Wir hätten kein Problem mit den Asylsuchenden, wenn sie nicht im Dorf wohnen würden. Irgendwo abseits wäre ok», sagt Uschi Neusch. Eine Medienvertreterin reagiert mit der Anmerkung, dass die Flüchtenden nicht mobil seien und demnach ein Lebensmittelpunkt im Zentrum Sinn mache. «Wohin sollen sie denn gehen? Sie haben sowieso keinen Job und demnach Zeit zum Laufen», sagt Neusch wortwörtlich. Die Diskussion ging weiter zum Thema Flüchtlingskinder in der Schule. «Wir haben Angst, dass die Asylantenkinder dann die Schweizer Kinder mobben», so Neusch weiter. Wir erzählen Eberhard Wörwag von den Sorgen der Petitionäre. «Die Kinder haben nichts. Kein richtiges Zuhause, kein Spielzeug und keine Freunde, wenn sie ankommen. Sie möchten nicht auffallen und wenn, dann um integriert zu werden», weiss er aus Erfahrung.
Er zeigt absolutes Verständnis, dass Vorbehalte bestehen. Doch möchte auch entschärfen. Aktuell besucht ein 12-jähriger Bub die Berger Primarschule und zwei 5-Jährige den Kindergarten. Die Integration des Jungen verlief laut Schulpräsident Michel Freund bisher ohne Probleme. Für ihn steht der schulische Auftrag über der politischen Diskussion. «Die Kinder und ihr Wohlergehen stehen im Mittelpunkt», sagt er. Unabhängig von der öffentlichen Debatte gehe es im Schulhaus um Ankommen, Lernen und Integration. Nach einem Informationsschreiben hätten Eltern das Gespräch gesucht. Man habe Fragen aufgenommen und Unsicherheiten ernst genommen. Die neu zugezogenen Familien seien auch von ihnen persönlich begrüsst worden – teils mit einfachen Mitteln der Verständigung. «Ein Lächeln versteht man in jeder Sprache», so Freund. Die Schule schaffe einen sicheren Rahmen für alle Schülerinnen und Schüler. Der Austausch mit der Peregrina-Stiftung sei gegeben, Zuständigkeiten geklärt. «Der Schuleinstieg der Kinder wird pädagogisch begleitet, insbesondere beim Erwerb der deutschen Sprache. Wir starten jetzt und gestalten die nächsten Schritte verantwortungsvoll», betont Freund.
Kein Baugesuch nötig
Nebst der politischen gibt es immer noch die rechtliche Debatte. Gemeindepräsident Toni Thoma liess verlauten, dass nach der 30-tägigen Frist kein Umnutzungsbaugesuch eingetroffen sei und man weitere rechtliche Schritte beabsichtige. Auf Anfrage antwortet Eberhard Wörwag: «Es liegt kein Baugesuch vor, da wir nicht verpflichtet sind eines einzureichen. Dies geht aus der Beantwortung des Regierungsrates der einfachen Anfrage seitens der Gegnerschaft hervor.» Genutzt wird nicht das Restaurant, sondern die bisherigen sieben Gästezimmer, welche aktuell von neun Personen bewohnt werden. Es fand vor dem Einzug der Familien ein Augenschein der Thurgauer Gebäudeversicherung statt. Es bestünden laut Wörwag keine Gefahrenquellen.
Pragmatismus und Prinzip
In Berg zeigt sich eine klare Rollenverteilung: Die Schule sorgt für Stabilität und Integration im Alltag der Kinder. Die Gemeinde und die Gegnerschaft pocht weiter auf Rechtssicherheit. Zwischen diesen beiden Ebenen bleibt die Situation angespannt. Bleibt zu hoffen, dass die Erfahrungen der Peregrina Stiftung auch in Berg fruchten. «Oftmals fragen die Leute schon lange nach dem Eintreffen der Asylsuchenden, wann diese nun eigentlich einziehen.»
Von Desirée Müller