Was als sichere SVP-Wahl galt, verwandelte sich in Weinfelden in ein Wahlkrimi.
Archivbild: rab
04.12.2025 10:27
Was als sichere SVP-Wahl galt, verwandelte sich in Weinfelden in ein Wahlkrimi
«Ich habe den Gottesdienst gestört»
René Ramseier brachte 1366 Stimmen zusammen, Lukas Madörin folgt ihm mit 1179 Stimmen. 545 fielen Vereinzelten zu, 259 waren leer
Was als sichere SVP-Wahl galt, verwandelte sich in Weinfelden in ein Wahlkrimi: Sprengkandidat Lukas Madörin (EDU) rückte René Ramseier (SVP) unerwartet nahe, brachte die Siegesgewissheit ins Wanken und machte den Weg frei für einen zweiten Wahlgang.
Weinfelden Es war ein Moment, der in Erinnerung bleibt: Bei der Verkündung stand René Ramseiers Frau bereits mit einem Blumenstrauss bereit. Doch der Strauss blieb unüberreicht. «Der Moment hat mich überrascht und ich glaube, vielen im Saal ging es ähnlich», sagt Ramseier. «Solche Resultate zeigen, dass Politik manchmal anders verläuft, als man es erwartet.» Trotzdem blickt Ramseier positiv zurück und betont auch eine wichtige Tatsache: «Ich bin dankbar, dass ich im ersten Wahlgang die meisten Stimmen erhalten habe. Das ist ein starkes Zeichen des Vertrauens aus der Bevölkerung.» Und fügt an: «Lukas hat ein sehr starkes Resultat erzielt, das verdient Respekt. Er hat sich persönlich gezeigt und das wurde anerkannt.» Lukas Madörin selbst begegnete dem Wahlsonntag erstaunlich gelassen. «Ich war tiefenentspannt und zufrieden», sagt er. «Schon vor der Resultatsverkündung.» Vielleicht, weil er sich seiner Aussenrolle als Sprengkandidat bewusst war. «Ich bin der, der den Gottesdienst gestört hat», bemerkt er mit trockenem Humor. Doch dann schrieben fast zwölfhundert Menschen seinen Namen auf den Wahlzettel. «Das ist wie eine gefüllte Gütti an einem HC-Thurgau-Match. So viele wollen mich im Stadtrat.» Der Tag danach fühlte sich für ihn fast wie ein kleines Volksfest an. Gratulationen im Laden, Begegnungen mit Menschen, die sich seit der Friedhofsdebatte abgewandt hatten, persönliche Worte, unerwartete Nähe.
Dass das Rennen so eng wurde, lag nicht nur an den Kandidaten. Eine Frauengruppe hatte die SVP im Vorfeld öffentlich kritisiert, weil sie keine Frau nominiert habe, und generell mehr Engagement für Frauen gefordert. Kurz darauf tauchten anonyme WhatsApp-Nachrichten auf. Der Tenor: einfach irgendeinen Namen auf den Wahlzettel schreiben, das absolute Mehr hochtreiben und damit einen zweiten Wahlgang provozieren. «Anonymität hilft niemandem weiter. Für mich ist der offene Dialog immer der bessere Weg», sagt Ramseier überzeugt. «Ich hätte mir gewünscht, dass die Bedenken direkt angesprochen worden wären. Politische Diskussionen funktionieren am besten, wenn wir miteinander reden.» «Ich wäre jederzeit bereit gewesen, mit den Initiantinnen und Initianten ins Gespräch zu kommen», fügt Ramseier an. Ihm wäre sogar ein Lukas-und-René-Nein Komitee lieber gewesen als das Verhalten, dass die anonymen Schreiberlinge an den Tag legen.
«Zirkus» geht weiter
Ein Facebook-Post vom Montag ruft dazu auf, auch im zweiten Wahlgang wieder «irgendeinem Namen» auf den Wahlzettel zu schreiben um das absolute Mehr zu beeinflussen. Dass im zweiten Wahlgang die einfache Mehrheit gilt, scheint der Verfasser nicht zu wissen. «Ich nehme das Frauenthema ernst, glaube aber nicht, dass eine einzelne WhatsApp-Aktion allein dieses Resultat erklärt. Es war wohl ein Zusammenspiel verschiedener Entwicklungen», so der SVP-Kandidat Ramseier. Für Madörin waren die anonymen Kritiken belastend. «Ich habe mich sieben Wochen lang mit ganzer Person hingestellt und mich auch verletzlich gezeigt. Da ist es schwierig, wenn man anonym als Aktivist bezeichnet wird.» Ramseier wird übrigens als Selbstdarsteller hingestellt und nimmt diese Zuschreibung gelassen: «Im Wahlkampf zeigt man sich automatisch häufiger in der Öffentlichkeit. Mir ist aber wichtig, dass es immer um die Sache geht und nicht um mich.»
Zeit für den grossen Auftritt
Ramseier und Madörin gehen davon aus, dass sich nun eine Frau zur Wahl stellen wird. Aus welchem Lager diese kommen wird, sei ungewiss. Für beide wäre das eine logische Folge der Debatte, die vor der Wahl angestossen wurde. «Es würde mich persönlich sehr freuen, wenn sich uns eine Frau anschliesst», sagt Lukas Madörin. Auch wenn er sich als «gute Alternative zu einer Frau» sähe. «Mein emotionales Kostüm kommt dem einer Frau sehr nahe», sagt er offen. «Das können etliche Frauen in meinem Umfeld bestätigen.»
An Ramseier ist nicht viel weibliches zu finden, doch dies hindert ihn nicht daran, sich weiter für das Amt zu interessieren. «Mein Wahlkomitee tagt Morgen Freitag und wir werden die Entscheidung über eine allfällige erneute Kandidatur zeitnah kommunizieren. Es wird ein Teamentscheid sein, so wie es in einem Komitee üblich ist». Dass er gebeten wird, zurückzutreten und einer SVP-Frau Platz zu machen, glaubt er nicht. Für Lukas Madörin ist nun klar, dass er es seinen Wählerinnen und Wählern schuldig sei, erneut anzutreten. «Genau deshalb liebe ich meine kleine Partei. Ich kann selbst entscheiden, was für mich und meine Familie passt.» Dass er bei einer Wahl in den Stadtrat keine parteiliche Rückendeckung im Stadtrat hätte, sieht er positiv. «Besser könnte es nicht sein. So wäre ich keine Partei etwas schuldig, nur dem Volk.»
René Ramseier sieht dem zweiten Wahlgang mit gemischten Gefühlen entgegen. «Ich hoffe sehr, dass sich die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger auch im zweiten Wahlgang einbringen», sagt Ramseier. «Ich schaue der nächsten Phase aber mit Zuversicht entgegen», sagt Ramseier .Lukas
Madörin sieht die Adventszeit als Wahlkampf-Zeit sogar als Möglichkeit, sich nochmals auszutauschen, sich wieder anzunähern und vielleicht alte Wunden ein für allemal zu heilen.
Desirée Müller