Roger Häfner informierte über die geplanten Anpassungen des Friedhofreglements.
02.05.2025 13:14
Streit um die letzte Ruhe
Eine Informationsveranstaltung fand zum Thema «Revision Friedhofsreglement» statt - Die Abstimmung ist am 18. Mai
Die Revision des Friedhofsreglements bewegt Weinfelden. An der Infoveranstaltung am Samstag konnten die Teilnehmenden Fragen stellen und im Anschluss das geplante muslimische Grabfeld besichtigen.
Weinfelden «Bisher hatte es Weinfelden noch nie in die grossen Medientitel geschafft», sagt Basil Höhneisen, Leiter Kommunikation der Stadt. «Das haben wir nicht beabsichtigt», ergänzt Stadträtin Ursi Senn. Dass sich Weinfelden wegen Anpassungen im Friedhofreglement spaltet, hat keiner erwartet. Man hätte es auch wie Frauenfeld handhaben können, welche die Schaffung eines Grabfeldes nach muslimischem Glauben nicht an die grosse Glocke hängte und es einfach umsetzte. Fehlende Transparenz, wurde der Stadt daraufhin vorgeworfen. Doch der Wirbel darum war schnell vorbei, vergeben und vergessen. Weinfelden kommunizierte von Beginn an offen, die Konsequenzen sind nun zu tragen. Anders würde man es im Nachhinein aber nicht machen, so Ursi Senn. Nur zwei Anpassungen Die Bevölkerung hatte die Möglichkeit, vor der Infoveranstaltung Fragen an die Stadt zu mailen. Das Angebot wurde spärlich genutzt. Auch die Teilnehmerzahl überraschte die Veranstalter. Nurrund 40 Gäste folgten der Einladung. «Man kann nicht mehr machen, als es anzubieten», sagt Ursi Senn vorihrem Referat.Vor allem, da das Thema «Friedhofsreglement» scheinbar omnipräsent ist in Weinfelden. Ursi Senn gab zum Einstieg einen Rückblick über den politischen Prozess. Vom Einreichen des Antrags 2023 an den Stadtrat bis zum heutigen Tag. Während zwölf Sitzungen tagte eine Spezialkommission, welche «sich intensiv mit dem Friedhofreglement auseinandersetzte und die Anpassungen vornahm.» Gefährliches Halbwissen macht derzeit in Weinfelden die Runde. Nebst einem Schreiben an die Bevölkerung des Nein-Komitees, welche einen Appell an die Stimmbürger richtet, die Neutralität auf Friedhöfen zu wahren, verschickte das Egerkinger Komitee an alle Haushalte einen Brief. Die Aussagen sind pauschal getroffen und entsprechen nicht den Anpassungen im Friedhofsreglement, welche bei einem Ja an der Urne umgesetzt würden. Roger Häfner, Leiter Einwohneramt, nutzte die Gelegenheit, um Klarheit zu schaffen. Die künftigen Gräber auf einer begrünten Fläche würden Richtung Mekka zeigen. Mit 2.10 Meter wären sie länger als die herkömmlichen. «Muslime möchten den Verstorbenen nicht auf die Füsse treten», erklärt er sinnbildlich. Nicht Teil der Anpassung sondern eine Möglichkeit wäre die traditionelle Waschung der Leichname durch ihre Angehörigen im bestehendenWaschraum.Und das wäre es dann schon. Keine ewige Totenruhe, keine «jungfräuliche» Erde, keine verwilderten Gräber oder eine «Blitzbestattung», innert Stunden. Bestattet wird im Sarg oder in Leichentüchern. Bei letzterer Variante sind die Angehörigen zuständig, den Kopf des Verstorbenen der Tradition nach Richtung Mekka zu drehen im Grab. Die Bestatter und die Stadtgärtnerei übernehmen generell keine Zusatzaufgaben. Wie es denn rechtlich aussehe, wenn sich ein Angehöriger beim Abstieg verletzte, wird gefragt. «Mit dem Unterzeichnen eines Dokuments vor dem Akt legt die Stadt jegliche Haftung ab», so Stadtschreiber Reto Marti. Die Bestattung ohne Sarg sei im übrigen umweltfreundlicher, weiss eine Besucherin. Schadstoffe der beschichteten Särge träten nicht in die Erde ein, der Leichnam verwese schneller. Roger Häfner erzählte in seinem Referat, wie die muslimische Tradition in den Herkunftsländern gelebt wird. Auf das Thema «Grabpflege» ging er bei den Ausführungen speziell ein. Die Gräber werden in der muslimischen Tradition der Naturüberlassen, soabernichtinWeinfelden.DieAngehörigenderVerstorbenen Muslime werden laut Häfner über die Sitten auf dem Friedhof aufgeklärt, bezahlenabertrotzdem, laut neuem Reglement, in einen Grabfond ein für allfällige Arbeiten der Stadtgärtnerei, wenn das Grab vernachlässigt wird. Dazu wird ein Depot verlangt für das Grabmal. Wird das definitive Grabmal innerhalb von drei Jahren von den Angehörigengestellt, erhaltensie das Geld zurück.
Fragerunde im Rathaus
Bei der Fragerunde wurde Roger Häfner gefragt, ob überhaupt ein Bedürfnis nach dem muslimischen Grabfeld bestehe. «Ich rechne fest damit, dass das Grabfeld genutzt wird. Die erste und zweite Generation der eingewanderten Muslime will ins Herkunftsland zurückgeführt werden. Irgendwann kommt der Wandel. Ihre Kinder oder Enkelkinder sind in der Schweiz geboren, hier ist ihre Heimat. Man geht noch «heim» in die Ferien, «doch bestattet wollen sie dort werden, wo ihre Familie ist», machte Häfner die Erfahrung. Das gleiche Bild zeichnete sich laut Häfner bei den Südeuropäern, speziell bei den Italienern ab. Ab 2010 findet man viele italienische Namen auf dem Weinfelder Friedhof. Seither wurden praktisch alle Südeuropäer in Weinfelden bestattet. Rückführungen gab es laut RogerHäfner sozusagenkeinemehr. Und diese Wende erwartet er auch bei den Muslimen. Eine Frau fragte, ob sie auch ein verlängertes Grab haben könnte und warum nicht der ganze Friedhof künftig mit längeren Gräbern «ausgestattet» wird. Dies sei nicht so vorgesehen, sagte Roger Häfner. Im Reglement sei jedoch verankert, dass sich auch Personen ohne muslimischen Glaubens auf dem Grabfeld bestatten lassen könnten. Somit hätten alle die Möglichkeit, nach einer grösseren Grabfläche. Ob ein Grabmal obligatorisch sei, wurde gefragt. «Ja, und es muss sich ins Bild des Friedhofs einfügen», so Roger Häfner. Statt eines Kreuzes wird ein provisorisches Grabmal in Form einer Stehle gestellt. Die Beschriftung sei individuell gestaltbar. Was die Stadt zu tun gedenke, wenn andere Religionen auch Ansprüche stellten an spezielle Grabflächen nach ihrem Glauben. «In anderen Kulturen wie bei den Buddhisten oder Hindus ist die Kremation üblich.Daherwirdhier keinBedarf aufkommen. Juden haben dazu ihre eigenen Friedhöfe auf denen die ewige Grabesruhe gilt», so Häfner. Eine jüngere Teilnehmerin interessiertees,obsieimFalle,dassihrmuslimischer Mann vorihr versterbe, sie nach ihrem Tod zu ihm platziert werden könnte. Falls sie kremiert werde, sei dies möglich. Zwei Erdbestattungen im gleichen Grab gebe es nicht. Warum man die Moslems nicht neben «normalen» Gräbern bestatten könne, da im islamischen Grabfeld auch Nicht-Moslems beerdigt werden könnten, fragte ein Teilnehmer. Zum einen habe es genügend Platz, so dass man die verstorbenen Moslems nicht in die Grabreihen integrieren müsse, dazu ginge es ums Bild des Friedhofs.
Schmetterlingskinder
Eine handvoll Teilnehmende folgten Roger Häfner auf den Friedhof. Auf dem geplanten Grabfeld zeigte er, wie die Gräber angeordnet werden würden. Die Fläche würde mit einerHeckeumschlossenwiedieanderen Abteile auch. Vielmehr gab es nicht zu zeigen. «Jetzt folgt ein emotionales Thema», kündigte Roger HäfneranundbegabsichzudenKindergräbern. Bei der Revision des Reglement geht es nicht nur um das muslimische Grabfeld: Bisher hatten Schmetterlingskinder, Kinder welche bereits tot zur Welt kamen, keine eigenen Gräber, sondern wurden kremiert und bei den anonymen Gräbern bestattet. Künftig sollen die Eltern auch die Wahl haben, ihr Baby in einem Einzelgrab zu beerdigen. Ein Ort zu haben, an dem sie ihre Schmetterlinge besuchen können, sei für viele hilfreich bei der Trauerverarbeitung. Falls die AnpassungendesReglementsam18. Mai nicht angenommen würden, wäre diese Möglichkeit hinfällig. Eine weitere Anpassung im Reglement wurde bei den Gebühren vorgenommen. Bisher wurde den Angehörigen von Verstorbenen, die länger als ein Jahr in einer Pflegeeinrichtung in einer Aussengemeinde lebten, aber in Weinfelden die letzte Ruhe finden wollen, eine Urnengebühr verlangt. 700 Franken für eine kleine, 1000 Frankenfür eine grössere Nische. Einwohnerinnen undEinwohnervonWeinfeldermüssen keine Gebühren zahlen. Laut dem angepassten Reglement fallen die Kosten für die ehemaligen Bürgerinnen und Bürger weg. Einmal Weinfelder, immer Weinfelder sozusagen. Die Abstimmung zum Friedhofsreglement findet am 18. Mai statt
Von Desirée Müller