Regula Müller (2.v.l.) und ihr Team sind für die Lebensmittelausgabe verantwortlich. Nico Wrzeszcz
27.09.2025 00:00
Wenn das Geld nicht ausreicht
«food-care» in Weinfelden greift Familien und Einzelpersonen am Existenzminimum mit Lebensmitteln unter die Arme
Das Angebot «food-care» des Blauen Kreuzes Thurgau-Schaffhausen unterstützt in Weinfelden Menschen, die finanziell nur wenig Spielraum haben. Ein vierköpfiges Team um Teamleiterin Regula Müller sorgt alle zwei Wochen für die reibungslose Ausgabe.
Weinfelden Das Projekt «food-care» richtet sich an Menschen, die mit einem sehr kleinen Budget auskommen müssen. An Alleinerziehende, Grossfamilien oder Personen, die am oder unter dem Existenzminimum leben. Die Idee dahinter: Lebensmittel retten, die sonst im Detailhandel entsorgt würden, und sie dort einsetzen, wo sie dringend gebraucht werden.
Wer Lebensmittel beziehen möchte, meldet sich jeweils bis am Vorabend um 18 Uhr an. Diese Anmeldungen sind entscheidend, denn auf ihrer Grundlage bestellt Teamleiterin Regula Müller beim Detailhandel die benötigte Menge. Am Ausgabetag holen die vier ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer die Ware ab. Ab etwa 16 Uhr wird sie in der Garage in Kisten aufgeteilt und verpackt. Ein routinierter Ablauf, bei dem sich über die Jahre eine fast familiäre Atmosphäre entwickelt hat.
Welche Produkte am Ende zusammenkommen, lässt sich nie im Voraus sagen: Manchmal sind es viele Früchte und viel Gemüse, ein anderes Mal kaum Obst, dafür andere Lebensmittel. Die Bezügerinnen und Bezüger können selbst entscheiden, was sie mitnehmen. «Wenn wir etwa einer Familie fünf Salatköpfe richten, sie aber nur zwei brauchen, bleiben die übrigen hier und gehen an eine andere Familie», erklärt Müller. So wird sichergestellt, dass nichts unnötig liegenbleibt.
Genügend Ware verfügbar
Derzeit nutzen rund zwölf bis fünfzehn Personen das Angebot, Kapazität wäre jedoch für deutlich mehr. «Lebensmittel zu beziehen ist nichts, wofür man sich schämen müsste», betont Regula Müller. Viele zögerten dennoch. Ein älteres Ehepaar hingegen greift beispielsweise bereits seit über 15 Jahren auf «food-care» zurück. Die beiden haben acht Kinder grossgezogen und sind heute pensioniert. «Wir kommen aus einer Generation, die gelernt hat, nichts wegzuwerfen und alles zu verwerten», erzählen sie. Auch heute noch sei es ihnen unangenehm, Lebensmittel zu entsorgen. Der Mann habe in seinem Beruf gesehen, wie viel im Detailhandel weggeworfen werde. «Da wird einem geradezu schlecht». Für das Paar ist «food-care» deshalb nicht nur eine wertvolle Hilfe im Alltag, sondern auch ein sinnvoller Beitrag gegen Lebensmittelverschwendung. Über die Jahre sind zudem Freundschaften mit anderen Bezügerinnen und Bezügern entstanden. «Hier ist etwas Besonderes gewachsen», sagen sie.
Auch eine alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, die seit Ende Januar dabei ist, schätzt das Angebot sehr. «Wir sind ein Drei-Personen-Haushalt und erhalten oft so viel, dass ich einen Teil der Lebensmittel weitergeben kann», erzählt sie. Immer wieder sei es erschreckend, wie viele Produkte trotz langer Haltbarkeit in Läden aussortiert würden.
Unterstützung nur bei echter Notwendigkeit
Nicht jede Anmeldung wird automatisch akzeptiert. «Wir achten darauf, dass die Hilfe wirklich bei denjenigen ankommt, die sie brauchen», erklärt Müller. Manchmal fragt sie deshalb nach dem Einkommen. «Wenn jemand zwei- oder dreimal im Jahr in die Ferien fliegt oder immer das neueste Smartphone besitzt, frage ich mich schon, ob diese Person hier richtig ist. Dann überlege ich mir selbst, ob ich nicht besser mit meinem Geld umgehen könnte.» Heute gebe es viele Möglichkeiten, günstig einzukaufen. Die meisten der aktuellen Bezügerinnen und Bezüger sind seit Jahren dabei, man kennt sich gut und tauscht sich regelmässig aus. «Es ist selten, dass jemand nicht erscheint. Meist hat die Person es einfach vergessen oder ist krank. Wir fragen dann nach», sagt Regula Müller.
Die Lebensmittelausgabe findet jeden zweiten Donnerstag von 17.30 bis 18 Uhr statt. Lediglich während der Sommerferien und über Himmelfahrt fällt sie einmal aus.
Nico Wrzeszcz