Kerstin Kubalek und Christoph Laib zeigen die besondere Atmosphäre militärischer Anlagen im Winter. ⋌Kurt Peter
21.10.2026 07:54
«Bunker sind wie Skulpturen»
Das Museum Rosenegg zeigt zeitgenössische Fotografie im historischen Kontext - Den Festungsgürtel anders sehen
Mit «Grenzland» von Kerstin Kubalek präsentiert das Museum Rosenegg eine Kunstausstellung, die gut ins Haus und vor allem zur Dauerausstellung «Hüben und drüben» passt. Der Festungsgürtel steht ganz im Zentrum von «Grenzland».
Kreuzlingen Vom 24. Oktober bis 25. April 2027 zeigt Kerstin Kubalek in ihrer Ausstellung neue Ansichten der Bunker des Festungsgürtels Kreuzlingen. Fotografiert von Christoph Laib wurden 80 Infanteriewerke, Unterstände und Hindernisse erkundet. In zwei Wintern, 2018 bis 2020, «weil Schnee, Eis und Nebel die Atmosphäre schufen, die ich für meine Bilder brauchte», sagte die Künstlerin anlässlich der Präsentation. Die Bunker seien wie Skulpturen in der Landschaft wahrnehmbar, «unverrückbar stehen sie und erinnern an eine schwere Zeit».
Bezug zur aktuellen Lage
Neben dem geschichtlichen gibt Kerstin Kubalek den Bauten auch einen ästethischen Blick. Zudem wurde eine Drohne eingesetzt: «Von oben bekommen die Bunker nochmals ein ganz anderes Gesicht», so Christoph Laib, «so sieht man die Anlagen sonst nie». Kuratiert hat die Ausstellung Dolores Claros-Salinas, die festhielt, dass «die Fotografien über die reine Dokumentation hinausgehen». Die militärischen Anlagen des Festungsgürtels seien Zeitzeugen und die Grenzgeschichte rücke mit der Ausstellung wieder in den Blickpunkt. «Die Aktualität ist gegeben», sagte Museumsleiter David Bruder. Auf die momentane Entwicklung mit Krisen und Kriegen sowie auf die Geschichte des Festungsgürtels werden im Rahmenprogramm Urs Ehrbar und Hansjörg Huber im Gespräch am 24. März 2027 eingehen. «Jedenfalls», so David Bruder, «passt die Kunstausstellung ins Haus und ergänzt die Dauerausstellung «hüben und drüben».
Auf den Spuren der Vergangenheit entstand ein umfangreiches fotodokumentarisches Werk, das ursprünglich im Kurzrickenbacher Sanitätsbunker ausgestellt werden sollte. «Doch zum geplanten Termin 2020 war es aufgrund der Corona-Pandemie nicht möglich», erinnerte sich Kerstin Kubalek. Die bereits fertigen Bilder verschwanden in einer Schublade. «Zufällig haben wir sie wieder entdeckt und uns entschieden, sie im Museum zu zeigen, als städtisches und regionales Thema», erklärte David Bruder.
«Man rechnete mit sich ab»
Für die Ausstellung wurden rund 40 Fotografien ausgewählt und, gedruckt als FineArt Print auf Hahnemühle-Papier, auf Platten aufgezogen. In einem abschliessenden Produktionsschritt überzog Kerstin Kubalek die Aufnahmen mit flüssigem Wachs, Schicht um Schicht versiegelte sie in diesem besonderen Firnis die fotografischen Oberflächen. Als «gelebte Firnis» bezeichnete sie das Resultat. Den Bildern der Wehranlagen werden Erinnerungen gegenübergestellt. Soldaten und Zivilisten, die diese angespannte Zeit im Thurgau miterlebten, schrieben Tagebuch oder Briefe an Angehörige und Freunde.
Eindrücklich geschildert wird der Höhepunkt der Bedrohungslage im Mai 1940, als man mit dem Angriff der Deutschen rechnete. Kerstin Kubalek hat Zeitzeugnisse unter anderem im Thurgauer Staatsarchiv aufgespürt. Aus dem Tagebuch von Emil Bruggmann: «Wenns bis em Morge em füfi nöd chämed, chämeds hüt nüme», hatte uns Oberst Fischbacher gesagt. Jetzt dachten wir über diese Worte nach. Ich wäre unbeschwerter durch diese Nacht gegangen, wenn ich unverheiratet gewesen wäre. Der Gedanke an Frau und Kind beschwerte mich. Wir sagten uns, der Grenzschutz stirbt in der Stellung. Das war für uns wie ein Urteil. Man hatte einen Eid geschworen. Das «Ja» zum Gehorsam verpflichtete, und man rechnete mit sich ab».
Die Vernissage findet am Freitag, 23. Oktober, 19 Uhr, statt. Die Laudatio hält Dolores Claros-Salinas.
Von Kurt Peter