AGV-Sekretär Rolf Bickel, Martin Kull, Denise Neuweiler und Attila Wohlrab am Behördenapéro. Kurt Peter
21.01.2026 08:18
Der Ruf nach dem Staat wird lauter
Regierungsrätin Denise Neuweiler und HRS-Chef Martin Kull setzen auf mehr Eigenverantwortung
Mehr Eigenverantwortung, weniger Regeln und Gesetze. Am Behördenapéro des Arbeitgeberverbandes Kreuzlingen machten Regierungsrätin Denise Neuweiler und Martin Kull, Inhaber und CEO der HRS, gerade in schwierigen Zeiten den Ruf nach mehr Staat zum Thema ihrer Referate.
Ermatingen «Das neue Jahr hat mit erschütternden Meldungen begonnen». Mit diesen Worten begrüsste Arbeitgeberpräsident Attila Wohlrab zum Behördenapéro auf dem Lilienberg. Der Ruf nach mehr Staat werde in solchen Zeiten lauter, «doch die Gesellschaft lebt von der Eigenverantwortung», mahne er. Eng damit verbunden sei die Zivilcourage: Hinschauen und handeln, forderte er. «Schieben wir die Verantwortung nicht weg», so Attila Wohlrab, sondern zeigen wir Solidarität und Stärke».
Staat handelt schwerfällig
«Veränderungen laufen heute viel schneller ab als vor 15 Jahren», sagte Regierungsrätin Denise Neuweiler, Chefin des Departements Erziehung und Kultur (DEK). Während wirtschaftliches Handeln sehr agil sei, sei staatliches Handeln schwerfällig und brauche seine Zeit. Dazu komme politisches Geplänkel. Auch wenn es der Schweiz mehrheitlich gut, ja besser gehe als vielen anderen Staaten, seien die Herausforderungen gross. «Gut, weil wir ein funktionierendes Rechtssystem und damit eine innerstaatliche Ordnung haben», erklärte sie.
Dennoch mahnte sie: «Neue politische Bewegungen finden ihren Nährboden in einer destabilisierten Gesellschaft». Sie bemängelte zudem, dass «heute nicht mehr die Arbeitsleistung im Mittelpunkt steht sondern Work-Life-Balance, die Gestaltung der Freizeit. Das Bevölkerungswachstum bringe es mit sich, dass viel investiert werden müsse. «Alles muss vorhanden und bezahlbar sein und es muss funktionieren». Die öffentlichen Finanzen seien ein Spiegelbild dessen, was die Gesellschaft dem Staat zuordne. Sorgen mache ihr das brüchige Vertrauen in den Staat, «der nicht gleichzeitig minimal sein kann bei maximalen Leistungen».
Kooperation statt Konfrontation
Das DEK verfüge über ein jährliches Budget von 450 Millionen Franken, das zu 96 Prozent in die Bildung fliesse. Das Departement fördere die kulturelle Vielfalt, Sport und Bewegung, gewähre Zugang zu Wissen und sorge für den Erhalt der Geschichte. «Ganz wichtig ist das duale System, das DEK setzt auf enge Zusammenarbeit zwischen Amt, Betrieben und Berufsfachschulen». In der Hitliste der Berufe habe sich etwas getan. Erstmals sei der Gesundheitsbereich an der Spitze der gewählten Berufe, vor der kaufmännischen Ausbildung und dem Detailhandel. «Tragen wir zum Rohstoff Bildung Sorge» mahnte sie abschliessend.
«Globale Entwicklungen haben Einfluss auf die Schweiz». Martin Kull, CEO der HRS Real Estate AG, erläuterte den Standpunkt der Wirtschaft. Die Wirtschaft sei bodenständig in allen Branchen, die Wirtschaft bestehe vor allem aus Menschen. Am Beispiel der Baubranche ging er auf die Probleme ein. «Der Kantönligeist sorgt für viele Regeln und Vorschriften», sagte er etwa zum Brandschutz. Das hemme und behindere. «Die Baubranche schafft Lebensräume, investiert und bildet aus». Die Herausforderungen seien riesig. So sorge der Fachkräftemangel zu steigenden Kosten und Verzögerungen. «Ohne florierende Wirtschaft fehlt das Geld für Investitionen in die Zukunft», gab Martin Kull zu bedenken. Er zeigte sich davon überzeugt, dass 2026 sehr anspruchsvoll werde, dass die Baubranche junge Menschen gewinnen und die Digitalisierung vorantreiben müsse. Im Bereich Klimaschutz stehe die Baubranche im Fokus, «wir arbeiten daran, besser zu werden». Er forderte Kooperation statt Konfrontation, das Zusammenpassen von Ökologie und Ökonomie. Schliesslich zeigte er sich davon überzeugt, dass «Unternehmen ohne gesellschaftliche Verantwortung auf Dauer keinen Erfolg haben».
Von Kurt Peter