Die geplante KVA Anlage in Weinfelden.
09.10.2025 15:28
500 Millionen für den Müll - KVA in der Kritik
Teuer, umstritten und mitten in sensibler Natur
Der Verband KVA plant für rund eine halbe Milliarde Franken eine neue Kehrichtverwertungsanlage. Die Gegner werfen mit Kritik um sich und stellen die Notwendigkeit in Frage. Verwaltungsratspräsident Reto Stäheli bezieht im Interview offen Stellung zu den Fragen der Kritiker.
Weinfelden Kritikerinnen und Kritiker bemängeln, dass die bestehende Anlage ursprünglich so konzipiert worden sei, dass sie erweitert werden könnte. «Die KVA liesse sich grundsätzlich anpassen und modernisieren. Ein Abriss ist kein technisches Muss, sondern eine strategische Entscheidung», sagt Fabio Frison, Architekt. Er stört sich zudem daran,dassbeimArchitekturwettbewerb nur vier Büros eingeladen wurden und keines davon die Möglichkeit erhielt, ein Konzept für eine Erweiterung oder Sanierung im Bestand vorzulegen. «Wenn nur eine Variante überhaupt zugelassen ist, wird der Wettbewerb zur Formsache. Eine echte Vergleichbarkeit der Lösungen entsteht so nicht», so Fabio Frison.
KVA schützenswert?
Auch aus Sicht des Thurgauer Heimatschutzes wirft das Projekt Fragen auf. Offiziell wurde der Fall im Vorstand zwar noch nicht beraten, doch steht im Raum, ob der bestehende Bau aufgrund seinerindustriellen Architektur und seiner landschaftlichen Einbindung möglicherweise schutzwürdig wäre. «Die Anlage prägt das Bild des Industrieareals und hat durchaus gestalterischen Wert», sagt Geschäftsführer der Organisation Gianni Christen. Ein allfälliges Verfahren zur Prüfung der Schutzwürdigkeit würde über die kantonale Denkmalpflege laufen. Peter Dransfeld, Vorstandsmitglied der SIA Sektion Thurgau (SchweizerischerIngenieur- undArchitektenverein), nimmt ebenfalls Stellung: «Die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung geht klar in Richtung Abfallvermeidung und Ressourcenschonung», so Peter Dransfeld. Es sei daher unrealistisch, davon auszugehen, dass die Abfallmengen in den kommenden Jahren im gleichen Ausmass zunehmen würden wie in den vergangenen zwanzig Jahren. Vielmehr sei zu erwarten, dass das Abfallaufkommen pro Person tendenziell abnimmt. Er bezweifle, dass das Volumen der neuen KVA zu rechtfertigen sei. «Wir behalten uns vor, zu gegebener Zeit aktiv zu werden und uns einzubringen.» Natur im Spiel In Onlineforen und Leserbriefen ist von mangelnder Transparenz und engen Verflechtungen die Rede. Dazu spricht man von Honoraren in Millionenhöhe für Ingenieure.
Auch ökologische und betriebliche Aspekte stehen im Fokus der Kritik. Der Neubau liegt in einem sensiblen Gebiet, in dem neueAmphibienschutzräume geschaffen werden mussten. Zwar zeigen erste Beobachtungen, dass sich gefährdete Arten wie der Laubfrosch dort bereits angesiedelt haben, dennoch bleibt Skepsis, ob der Eingriff langfristig ausgeglichen werden kann. Verband KVA nimmt Stellung Kritisch gesehen wird zudem die enge Kooperation mit deutschen Abfallbetrieben, über die künftig ein Teil der Auslastung gesichert werden soll. Gegner fürchten eine Abhängigkeit vom Ausland.
Berechtigte Zweifel?
Reto Stäheli, Verwaltungsratspräsident der KVA Thurgau, nimmt zu all diesen PunktenStellung.ImoffenenInterviewerklärt Reto Stäheli, weshalb der Verband KVA die Neubauvariante für wirtschaftlich und betrieblich die nachhaltigere Lösung hält, wie ökologische Standards umgesetzt werden und warum er die Kritik an der Dimensionierung für unbegründet hält.
Reto Stäheli, die neue KVA ist fast 50 Prozent grösser als die heutige. Das zu einer Zeit, in der Bund und Kantone Abfallvermeidung und Recycling ausbauen wollen. Ist diese Dimensionierung nicht ein Widerspruch zur Abfallpolitik?
Vorab ist festzuhalten, dass die KVA in den letzten Jahren dieanfallendeAbfallmengenichtbewältigen konnte und aus Kapazitätsgründen mehrere tausend Tonnen Abfälle pro Jahr in andere Schweizer Anlagen umleiten musste. Dies, weil sie an ihrer technischen Grenze und damit deutlich über der ursprünglich geplanten Kapazität betrieben wird. Die Ersatz-KVA soll ebenfalls Jahrzehnte zuverlässig ihren Dienst verrichten und die künftigen Abfallmengen bewältigen können. Sie muss deshalb auf die maximalen Abfallmengen ausgelegt werden, welche sie während ihrer Betriebszeit zu bewältigen hat. Abfallprognosen zeigen, dass diese Mengen aufgrund des Wachstums von Wirtschaft und Bevölkerung im Thurgau bereits im Jahr 2050 rund 1,5Mal sohochseinwerdenwieheute – trotz grosser Anstrengungen des Verbands im Bereich der Kreislaufwirtschaft (zum Beispiel mit dem erfolgreichen «Kuh-Bag»). DasAmtfür Umwelt des Kantons und die Thurgauer Regierung haben diese Berechnungen überprüft und bestätigt. Die geplante Kapazität der Ersatz-KVAstehtimEinklangmitder «offiziellen Abfallpolitik».
Die KVA Thurgau rechnet mit Abfällen aus Deutschland, um die Anlage in Weinfelden auszulasten. Klingt nach Abhängigkeit vom Ausland, mit dem Risiko, dass die Anlage später leerläuft?
Umwelt- und Klimaschutz sollten nicht vor Ländergrenzen halt machen. Das sehen auch der Kanton Thurgau und der Bund so: Der Kanton Thurgau begrüsst die Weiterführung der Partnerschaft zwischen der KVA Thurgau und der Abfallwirtschaftsgesellschaft Bodenseekreis undKonstanz (ABK).Auch derBund spricht sich für den Import von grenznahem Kehricht aus, wenn damit Transportwege möglichst kurzgehalten werden können. Der Verband hat deshalb zwischenzeitlich mit der ABK einen langfristigen Vertrag bis 2040 plus Verlängerungsmöglichkeit um fünf Jahre abgeschlossen. Diese Partnerschaft ist aus mehreren Gründen sinnvoll: Erstens profitiert das Klima, weil die Abfälle sonst vier- bis fünfmal weitertransportiert werden müssten, da im süddeutschen Raum Verwertungskapazitäten fehlen. Zweitens profitiert der Kanton Thurgau, weil die Abfälle aus der süddeutschen Nachbarregion hier zu klimafreundlicher Energie verwertet werden. Dies kommt der wachsenden Nachfrage nach klimafreundlicher Prozess- und Fernwärme in der Region zugute. Drittens erfolgt die Anlieferung der Abfälle aus dem süddeutschenRaumperBahn,was auch in Zukunft so vorgesehen ist. Zu guter Letzt wird die Schlacke, die nach der Verwertung der deutschen Abfälle als nicht brennbarer Anteil zurückbleibt, nach Deutschland zurücktransportiert und dort deponiert.
Können Sie Zahlen aufzeigen, warum ein Anbau anstatt ein Neubau für die KVA Thurgau nicht wirtschaftlich gewesen wäre?
Die Frage nach der richtigen Erneuerungs- und Erweiterungsstrategie wurde zu Projektbeginn sehr intensiv und in verschiedenen Varianten untersucht. Für eine Beurteilung der Wirtschaftlichkeit sind nicht nur die Investitionskosten, sondern die gesamten Kosten sowie die Erträge aus der Energieproduktion berechnet worden. Um es kurz zu machen: Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Die mit Abstand unwirtschaftlichste Variante wäre die Erneuerung und Erweiterung im und am Bestand gewesen. Die daraus resultierenden Kehrichtgebühren wären bei einer solchen Variante deutlich höher gewesen als beim nun geplanten Ersatzbau.
Warum wollten Sie nicht wenigstens Vorschläge der vier Architekturbüros für einen Anbau anhören?
Weil eine Erweiterung und Erneuerung im Bestand deutlich komplizierter, risikobehafteter, zeitraubender und deshalb auch teurer geworden wäre. Somit es nur folgerichtig, dass der ausgeschriebene StudienauftragArchitekturnur einenErsatzbau neben der bestehenden Anlage im Fokus hatte. Der Verband hat die Möglichkeit der Weiterentwicklung und Weiternutzung der bestehenden KVA gegenüber einem eigenständigen Ersatzbau wie erwähnt zu Projektbeginn eingehend abgewogen. Dabei hat sich gezeigt, dass eine Erweiterung und Erneuerung im laufenden Betrieb viele gravierende Nachteile hätte. Da die Anlage immer laufen muss – 365 Tage im Jahr, 24 Stunden pro Tag – müsste man zum Beispiel die zwei bestehenden Ofenlinien unter Betrieb ersetzen und, zur notwendigen Kapazitätssteigerung, noch eine zusätzliche Linie anbauen. Man würde faktisch also drei neue kleine Ofenlinien unter Betrieb bauen statt nebenan nur eine grosse. Ebenso müsste man unter Volllast den Abfallbunker sanieren und erweitern sowie das thermische System und den eigentlichen Kraftwerksteil komplett auswechseln. Zudem wären die Freiheitsgrade für zukünftige Erneuerungen stark eingeschränkt. Sie versprechen, den Bahnanschluss auszubauen.
Gibt es eine verbindliche Quote für den Anteil der Transporte per Bahn – und was passiert, wenn dieses Ziel nicht erreicht wird?
Der heute bestehende Bahnanschluss bleibt mit der Realisierung der Ersatz-KVA bestehen und wird von dieser weitergenutzt. Insbesondere der Abfall aus der süddeutschen Nachbarregion wird weiterhin per Bahn angeliefert. Der Bahnanschluss ist so dimensioniert, dass genügend Kapazitäten für die Anlieferung eines grossen Teils des Abfalls und für die Abtransporte der Reststoffe per Bahn zur Verfügung stehen. Der Regierungsrat des Kantons Thurgau hat in der kantonalen Nutzungszone für die Ersatz-KVA verbindlich festgelegt, dass neben dem Ziel der möglichst geringen Gesamtumweltbelastung aller Anund Abtransporte mindestens 35 Prozent der Transporte per Bahn zu erfolgen haben. Ebenfalls hat der Abtransport des abgeschiedenen und verflüssigten CO2 im Falle einer Nachrüstung der CO2-Abscheidung auf dem Schienenweg oderleitungsgebunden zu erfolgen. Der Verband hat den Bahn-Abtransport des CO2 im Rahmen einer Studie bereits geprüft und als machbar nachgewiesen.
Wenn Abfallvermeidung und Recycling schneller wachsen als erwartet: Haben Sie ein NotfallSzenario, um einen wirtschaftlichen Betrieb auch mit deutlich weniger Brennstoff zu sichern?
Machen wir hierzu ein Gedankenexperiment und blicken in die Vergangenheit: Trotz Einführung von Sackgebühren und grossem Engagement für den Ausbau des RecyclingAngebots sind die Abfallmengen in der Schweiz, getrieben durch das Wachstum von Bevölkerung und Wirtschaft, indenvergangenenJahrzehnten stetig angestiegen. Es ist deshalb sehr unwahrscheinlich – die AbfallprognosenvonBundundKantonen belegen dies in aller Deutlichkeit – dass die Abfallmengen plötzlich einbrechen werden. Und selbst wenn:DerBetriebeinerKVAist auch bei tieferen Abfallmengen problemlos möglich. Heute eine kleinere AnlagezuplanenundentgegenderPrognosen darauf zu hoffen, dass Abfallvermeidung und Recycling schneller wachsen als heute erwartet, ist hingegen ein grosses Risiko, das der Verband mit Blick auf seine Entsorgungspflicht weder eingehen kann noch will.
Für den Neubau werden Ersatzlebensräume für Amphibien geschaffen. Wer kontrolliert in den nächsten Jahrzehnten, dass diese Lebensräume dauerhaft funktionieren?
Die Schaffung von neuen Amphibienschutzgebieten, welche jene auf dem Areal der Ersatz-KVA ersetzen, wurdebereitsEnde2022abgeschlossen. Um die Wirksamkeit der getroffenen Massnahmen zu überprüfen, werden regelmässig Monitorings durchgeführt. 2023 und 2024 haben externe Amphibienspezialisten Tiere bestimmt und gezählt. Das Resultat ist erfreulich: Im nördlichen Schutzgebiet hat sich der stark gefährdeteLaubfroschangesiedeltund fortgepflanzt. Im zweiten, südlichen Schutzgebiet konnten bereits im ersten Jahr neben dem Laubfrosch vier weitere Arten beobachtetwerden,darunterderKamm-und der Teichmolch. Die Amphibienfachleute kommen zum Schluss, dass die Tiere die neu geschaffenen Lebensräume angenommen haben – und damit eine wichtige Voraussetzung für die Vorbereitung des Baugrunds derErsatz-KVAerfülltist. Wie stellen Sie sicher, dass Baustellenwasser und Reinigungsabwässer nicht in die Thur gelangen? FürdieBauphasewirdeinumfassendes Baustellenentwässerungskonzept erarbeitet. Dieses orientiert sich an den geltenden Normen und Vorschriften, insbesondere der SIANorm 431 «Entwässerung von Baustellen». Das Konzept wird vor Baubeginn durch den Kanton geprüft und genehmigt. Aufgrund der Topografie und der Distanz zur Thur ist es zudem praktisch ausgeschlossen, dass verschmutztes Baustellenwasser in die Thur gelangen kann.
Von Desirée Müller